Januar 6, 2006...2:40

Was hat eine Papiertüte mit Rhythmus zu tun?

Zu den Kommentaren

Auf den ersten Blick eigentlich gar nichts. Doch gerade in dieser Jahreszeit, die auch die fünfte genannt wird, haben schwäbische Papiertüten sogar ziemlich viel mit Rhythmus, lauter, schräger und stimmungsvoller Musik zu tun: Guggenmusik!

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Guggenmusik bei uns völlig unbekannt war. Doch zum Anfang: Die Geschichte der Guggenmusik hat ihren Ursprung etwa um 1900 in der Schweiz. Von den größeren Städten hat sich die Guggenmusik in den folgenden Jahrzehnten auf den ländlicheren Teil und schließlich bis in den Süden Deutschlands ausgebreitet. Grundsätzlich werden zwei Stilrichtungen unterschieden: der Basler und der Züricher Stil.
Der Unterschied der beiden Richtungen besteht darin, dass bei der Basler Art hauptsächlich Nichtmusiker mit selbstgebauten oder alten Instrumenten musizieren, wobei bei der Züricher Art oftmals Musikvereine ihre Trachten gegen Kostüme eintauschen und mit Show und geballtem Rhythmus gekonnt schräge Musik abliefern.

Vor allem in Deutschland kann zwischen diesen beiden Stilen oft nicht mehr unterschieden werden, da eine Guggenmusik ohne Mitglieder, die zumindest teilweise ein Instrument spielen gelernt haben, nicht mehr konkurrenzfähig ist.

Zur Entstehung des Wortes Guggenmusik gibt es mehrere Geschichten. Eine besagt, dass das Wort Gugge von einer Papiertüte stammt, in die man hineinbläst; eine andere ordnet das Wort Gugge einem kleinen Kindertrompetchen zu. Bei uns im süddeutschen Raum kann Gugge aber wohl zweifellos der Papiertüte zugeordnet werden.

Die Musik mit den zum Teil selbst gebastelten Instrumenten ist sehr disharmonisch. Es wird absichtlich falsch gespielt, aber trotzdem ist die Grundmelodie herauszuhören. Rhythmus ist ein wichtiger Bestandteil dieser Musikrichtung, ebenso wie Rasseln und Sambapfeifen, die dem ganzen ein wenig von dem Flair des brasilianischen Karnevals geben.

Mittlerweile dürfen Guggen bei keiner Prunksitzung fehlen und marschieren meist nicht vor Mitternacht bei Faschingsveranstaltungen in Turn- und Festhallen ein. Auch bei Fasnetsumzügen verbreiten sie mit ihrer Musik gute Laune. Aber es ist nicht nur die Musik – auch die fantasievolle Verkleidung, die bei den meisten Gruppen alle paar Jahre erneuert wird, begeistert die Zuschauer.

Aber wie kam diese Musikrichtung überhaupt in unsere Gegend? Anfang der 70er Jahre zog ein junger Grafiker aus Heidenheim nach Basel, um die dortige Kunstgewerbeschule zu besuchen. Während dieser Zeit lernte er die Basler Fasnacht kennen. Als eine Guggenmusikgruppe einen Trommler suchte, bewarb sich der gelernte Schlagzeuger und Jazz-Musiker und bekam die Chance. Nun war er ganz vom “Guggenvirus” befallen.

Zurück in der Heimat zog es ihn nach Aalen; er erzählte Freunden von der Idee einer eigenen Guggenguppe und es dauerte nicht lange, da sah man die private Clique an einem lokalen Umzug teilnehmen. Hieraus entstanden dann die „Oschtalb-Ruassgugga“, die erste Guggengruppe der Region.

Angefangen im Landkreis Göppingen hat alles in Donzdorf. Animiert von der schrillen und schrägen Musik, den fantasievollen Kostümen und eigenwillig deformierten Instrumenten, hat sich im Jahre 1989 eine kleine Gruppe Hobbymusiker zusammengetan mit dem Ziel, die Fasnet in der Lautertalmetropole mit einer eigenen Guggenmusikkapelle zu ergänzen. Die Idee zur Gründung der „Donzdorf’r Noda-Biag’r“ ist – wie könnte es auch anders sein – in der Narrenmetropole Donzdorf auf fruchtbaren Boden gefallen, und just war die erste Guggamusik-Kapelle im Kreis Göppingen geboren.

Und die Guggoenoriginalität ist bei den Noda-Biag’r sehr stark ausgeprägt. Neben ein paar ausgebildeten Musikern, tonangebend als Melodieträger, sind der Rest, das heißt immerhin zwei Drittel der Gruppe, reine Hobbymusiker, also im wahrsten Sinne des Wortes sogenannte Notenlegastheniker. Trotz dieser besonderen Eigenschaft kann man die Musiktitel aber immer erkennen.

Der Guggenvirus blieb aber nicht lange nur in Donzdorf, er breitete sich rasch aus. Mittlerweile gibt es im ganzen Landkreis verteilt Guggengruppen, und es kommen immer wieder neue Gruppen hinzu, so dass die Fasnet auch in Zukunft von diesen bunten und fantasievoll verkleideten Musikern noch einiges zu hören bekommen wird!

Veröffentlicht:
Birgit Freihalter, “Was hat eine Papiertüte mit Rhythmus zu tun?” in: prisma – Das Kundenmagazin der Kreissparkasse Göppingen, Heft 01, 2006, S. 16.
Der Artikel inkl. Bilder kann hier in der Onlineversion des Heftes angesehen werden.

©Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Artikels darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Einen Kommentar schreiben